1:60

Diplomarbeit Studienbereich Neue Medien – Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, Juni 2004

Format: vinyl, 10″, 33rpm
Number of paths: 8
Duration: 9 h 08 m
Individual playing times: A: 1 m 00 s / 2 m 00 s / 0 m 42 s / 1 m 20 s B: 1 m 42 s / 0 m 36 s / 0 m 36 s / 1 m 12 s
Discogs: Link

Intro
Angesichts der vollständigen Entschlüsselung des Audiosignals und den daraus resultierenden unendlichen klanglichen Möglichkeiten entscheide ich mich für den RESET: Bücher und Programme werden geschlossen, Texte und Klangerzeuger zur Seite gelegt. Es bleibt nicht Stille, die den Ort füllen könnte, sondern ein vielfältiges Gewirr an Stimmen und Geräuschen, in dem sich die Möglichkeiten des digitalen Klanguniversums spiegeln: Rhythmen, Zufälle, Stimmung und Atmosphäre. Mein Ausgangsmaterial ist die akustische Umwelt, in der diejenigen Klänge zu untersuchen sind, die durch ihre Allgegenwärtigkeit unsichtbar zu werden drohen. Die akustische Umwelt ist Produkt und Hintergrund von Lebensräumen – sie strukturiert und verbindet diese. Ich verstehe sie als ein komplexes System von ineinander greifenden Klängen, die sich zu einem Geräuschteppich verbinden. Ich betrachte sie auch als ein multifunktionales Instrumentarium, dessen Struktur es zu erforschen und erarbeiten gilt.

Abstract
“1:60″ ist eine auditive Arbeit, die im digitalen Zeitalter den Sprung in die Linearität wagt. Sie thematisiert Fragen zu Begriffen des Hörens und der Handlung in Hörräumen. Auf der kleinsten, atomaren Ebene liegen die Samples, die Bausteine des digitalen Klanges. Aus der überblickenden Perspektive ist die sich immer wandelnde akustische Umwelt als Komposition zu lesen. Dazwischen liegt die Klangkunst, sie oszilliert zwischen den beiden Polen.

Die akustische Umwelt wird auf zwei Ebenen thematisiert: Auf der wissenschaftlichen Ebene ist der Begriff der akustischen Ökologie angesiedelt. Er thematisiert die akustische Umwelt als ein umfassendes System, das aus vielen natürlichen und kulturellen Quellen gespeist wird. Deren künstlerische und ästhetisierte Umsetzung wurde unter dem Begriff “Soundscape” bekannt.
Der Umgang mit Klang hat sich im letzten Jahrhundert dramatisch verändert. Die Futuristen verherrlichten “die Geräusche”, die sich mit der Verbreitung des Tonbandes von ihren Quellen loslösten. Die “tape music” der säten 1940er Jahre behandelte aufgezeichnete Klänge als Klangobjekte. Dieser Gedanke hat sich in digitalen Audiosystemen verflüssigt: Audiodaten sind Rohmaterial, das geformt werden will. Der Komponist der klassischen Musik ist in den Hintergrund getreten, an seiner Stelle diktieren vom Produzenten eingesetzte Algorithmen das Klangbild. In manchen Fällen entreissen sie dem Produzenten die Entscheidung über Komposition oder Improvisation, in anderen wird der Hörer zum Input eines “Soundenvironments”.
“1:60″ setzt an, wo körperlich eingegriffen werden kann. Im physischen Raum werden körperlose Klänge, Raum-Zeit-Schwingungen, gesucht. Mittels Feldforschung wird ein begrenzter Raum, die Stadt Zürich, nach charakteristischen Klängen und Klangmustern untersucht. Diese können aus einer einzelnen oder einer Kombination von Schallquellen bestehen, ihre Ausdehnung und Eigenrhythmen werden vom physikalischen Raum geformt. Die Hörräume fliessen als musikalische Elemente in rhythmisierte Notationen ein. Diese abstrahieren den öffentlichen Raum, es werden Abläue entworfen, die sich über Zeitspannen von 30 Minuten bis zwei Stunden ausführen lassen. Es sind Wege in und zwischen Hörräumen, akustische Querschnitte des Lebensraumes Stadt.
Die Wege werden in ihrer Ausführung aufgezeichnet. Die Strukturen der Notationen sind während der Aufzeichnung ein Raster, in dem der Aufzeichnende durch den Blick der Mikrofone den aufgezeichneten Ausschnitt der akustischen Umgebung bestimmt. In der Interaktion entsteht ein Zusammenspiel von Komposition und Improvisation.
Die Aufnahmen werden im digitalen Raum durch eine Zeitkompression im Verhältnis von 1:60 formalisiert: Was in der Aufnahme in einer Stunde aufgezeichnet wurde, wird auf eine Minute verkürzt. Im Transfer der Zeitstruktur werden andere Schwerpunkte gesetzt: Die in der Kompression verdichteten Raum-Zeit-Strukturen nehmen einen eigenständigen Charakter an, sie erinnern in der Wahrnehmung aber an den realen Raum. Der Output, auf Vinyl gepresste Schallrillen, ist eine Rückführung des Digitalen ins Analoge.

Sample MP3s:

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Download PDF: Konzept “1:60″